Subjekt und Objekt |
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Eine schon frühe Erkenntnis des menschlichen Denkens, die sich auf die Beobachtung und Erfahrung stützt, ist die Polarität, Gegensätzlichkeit und Zweiheit in der Erscheinungswelt, im Leben des Menschen wie im Menschen selbst. Alle Zeiten und alle Geistesrichtungen haben sich bemüht, diese Gegensätze zu erklären, zu überwinden und dem menschlichen Suchen Antwort zu geben. In dieser Erscheinungsform erkennen wir ein Weltgesetz, das Gesetz der Dualität oder Polarität, welches im ganzen Weltall wirkt. Sogar die abstrakten Begriffe wie Ort, Zeit, Maß oder Zahl, ebenfalls Axiome unserer Erkenntniskraft und Weltgesetze an sich, lassen diese Polarität erkennen, wenn wir beispielsweise von hier und dort, von gestern und morgen, von viel und wenig, von groß und klein, von Schwarz und Weiß sprechen. In unendlich vielfältiger Form tritt uns dieses Gesetz entgegen. Unsere Sprache ist reich an gegensätzlichen Begriffen, in denen sich für uns die Erlebniswelt spiegelt. Zu Tag und Nacht treten Saat und Ernte, Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Himmel und Erde oder in religiös gearteter Analogie Himmel und Hölle. Jede Lebensregung, jede Form in der Natur wird von diesem polaren Gegensatz bestimmt. Wir sind jung oder alt, männlich oder weiblich, arm oder reich, glücklich oder unglücklich, hungrig oder satt, freudig oder traurig, munter oder müde. Unser ganzes Leben spielt sich gleichsam in Gegensätzen ab, die wir in immer stetem Bemühen auszugleichen und zu überbrücken trachten. Am deutlichsten wird dieses Ringen in der alten Problematik von Gut und Böse. Gerade die Gegensätzlichkeit von Gut und Böse haben die Menschen am stärksten empfunden und daher am frühesten zum Ausgangspunkt ihres Denkens und Philosophierens gemacht. Die naiven Fragen: Was ist gut? Was ist böse? Wie werde ich gut? Wie überwinde ich das Böse? Ist Gott gut? Ist Gott böse? Gibt es überhaupt das Böse? Gibt es den Bösen, das Böse an sich? konnten nicht ohne weiteres aus der rein sinnlichen Erfahrung beantwortet werden. Deshalb strebte das religiöse und philosophische Denken nach tieferer Erkenntnis, um solche Fragen aus ihrer Verknüpfung mit den allgemeinen Problemen unseres Lebens zu lösen. Die Einsicht von der Gegensätzlichkeit wurde somit auf die geistige Welt, die Welt des abstrakten Denkens und Erkennens übertragen. Wir sprechen von Erkenntnis und Nichterkenntnis, von Gott, aber auch vom Teufel unseres Volksglaubens. Wir unterscheiden Seele und Körper. Philosophisch sprechen wir ebenso von Sein und Nichtsein, von Wesen und Schein, von Inhalt und Form, von These und Antithese, von Geist und Materie als Grundaxiomen unseres Erkennens. Keiner von uns und keiner unserer großen Denker leugnet diese polare Gegensätzlichkeit: Sie bildet eine Grundvorstellung unseres Lebens, obgleich uns meistens nicht zu Bewusstsein kommt, dass es sich hierbei um eine prinzipielle Dualität von weltgeschichtlichem Charakter handelt. Das Bestreben, dieses Prinzip aufzuheben, führt dabei nur zu einer Entleerung des Ich-Begriffs, indem sich das Ich in der Masse eines Kollektivs aufzulösen scheint, oder aber zur Verneinung der Gemeinschaft durch einen übersteigerten Individualismus wirkt. Dadurch aber hebt sich das Ich selbst auf und vernichtet das Subjekt, da es das bedingende Objekt leugnet. Die Geistesgeschichte der römischen Kaiserzeit, des Mittelalters, aber auch der Neuzeit bringt umfangreiche Beispiele für den irrenden Kampf der Menschen mit dem Weltgesetz der Dualität, das in seinen letzten Tiefen nicht erkannt wurde. Der Mensch selbst als duales Wesen suchte beispielsweise im Mittelalter, in asketischer Abtötung des Fleisches, diese Gegensätzlichkeit in sich aufzuheben. Einen gegensätzlichen Standpunkt zum schwärmerisch nach Vergeistigung strebenden Mittelalter nimmt der Materialismus unserer Tage ein, der die Materie, den Körper, die Form als grundsätzlich primär betrachtet und damit Seele, Wesen und Gott als sekundär verneint und ausschließt. Geistesgeschichtlich betrachtet können wir festhalten, dass die vergangenen 2.ooo Jahre, das sogenannte christliche Zeitalter in Europa, ein Zeitalter der Dualität war, in dem Gegensätze hart und unversöhnlich in Widerstreit standen und die Gründe und Anlässe heftigster Kämpfe waren, sei es nun, dass man um Gott oder Teufel, um gläubig oder ungläubig, um christlich oder heidnisch, um Universalismus oder Partikularismus, um Menschenrechte oder Standesrechte und schließlich um Nationalismus oder Kommunismus stritt. Zwar bleibt die Gültigkeit dieses polaren Weltgesetzes bestehen, aber unsere naturwissenschaftlich gebildete Gegenwart erkennt auch als das verbindende Dritte den Begriff der Kraft, der Energie und der Gestaltung, so dass die Trinität von Bewusstsein, Kraft und Stoff, von Geist-Seele-Leib, von Kopf-Herz-Hand, von Idee, Energie und Materie unser Weltbild zur Synthese bereichert und erweitert hat. Das Gesetz dieser Dreieinigkeit lässt uns alte Probleme von einem neuen Standpunkt aus betrachten und untersuchen. Die Forderung von Subjekt und Objekt Das Problem der Dualität und Polarität kann nur dann befriedigend gelöst werden, wenn wir zum Ausgangspunkt allen Daseins zurückgehen und an die letzte Erkenntnis der Metaphysik anknüpfen. Alles Dasein, so lehrt uns dieses als Erkenntnis-Axiom und letzter Grund unseres menschlichen Denkens definierte, ist in einem letzten Einen, dem Absoluten, begründet. Diese Einheit als Quelle und Ausgang, aber auch als Ziel und Ende des Daseins dieser Welt, wird von den Religionen unter verschiedenen Namen mit dem Begriff »Gott« ausgedrückt. Auf dieses letzte Eine, auf Gott, müssen wir also zurückgehen, wenn wir in der Fülle unserer Daseins- und Erscheinungswelt Ordnung und Sinn begreifen wollen. Die Philosophie bezeichnet diese Einheit ebenfalls mit verschiedenen Namen, deren Begriffsinhalte jedoch identisch sind. Diese primäre Einheit, die vor der Welt bestand, die die Welt schafft und zerstört und die auch nach dem Verschwinden der Welt bestehen bleibt, ewig, unwandelbar und unveränderlich, benennt die Philosophie als das Subjekt in allem. Dieses Subjekt ist das Primäre - die prima causa, quasi die erste Ursache des Universums. Was können wir nun über dieses primäre Subjekt aussagen? Nun, die philosophische Hermetik hat richtig erkannt, dass es:
Dieses eine Subjekt ist sowohl der zentrale Geist, als auch die belebende Kraft, wie auch die Substanz oder Materie, aus der alles Geschaffene besteht. Dieses letzte Eine, dieses höchste Subjekt existiert an sich. Es wird durch nichts bewirkt oder bedingt; es ist unabhängig, unendlich, einmalig, einheitlich, eben primär oder »an sich«, wie auch Kant festhielt, nachdem er festgestellt hatte, dass die physische »Außenwelt«, wie sie sich dem Menschen zeigt, keine real-existente Welt im objektiven Sinne ist, sondern lediglich ein (Ab)Bild der Welt, d.h., wie (nur) das menschliche Bewusstsein dies wahrzunehmen und zu verarbeiten imstande ist. Besagte Einheit aber hat, außer ihrem trinitären, dreifachen Charakter, noch eine duale oder polare Natur: es ist, oder es ist nicht. Das heißt, es ist offenbar oder es ist unoffenbar, und zwar, dem Gesetz der Periodizität folgend, in periodischem Wechsel. Es existieren also Epochen, in denen Gott tätig ist und ein Weltall erschafft und erhält: Wir sprechen dann von einem Weltentag. Darauf folgen Epochen, in denen Gott ruht, also nicht im Dasein ist: Wir sprechen dann von einer Weltennacht. Dem Gesetz der Polarität oder Dualität folgend unterscheiden wir zwei Zustände des einen Subjektes: Dasein und Nicht-Dasein. In der indischen Philosophie werden diese Zustände mit Sat und Asat bezeichnet, in der mittelalterlichen europäischen Philosophie mit den uns vertrauteren Begriffspaaren essentia und existentia. In polarem Wechsel, periodisch bedingt - nach festen Zahlgesetzen - vollzieht sich also das Leben und Wirken des Subjektes, dessen Rhythmus im Höchsten auch dem Rhythmus im Menschlich-Seelischen entspricht, wie es im Phänomen der Wiederverkörperung sichtbar wird. MEISTER ECKEHART (1260-1328), der führende Vertreter der deutschen Mystik des Mittelalters, spricht ebenfalls von der polaren Natur Gottes, wenn er feststellt: »Auch Gott wird und vergeht«. Welcher Sinn liegt nun diesem gesetzmäßigen Gegensatz von Dasein und Nichtdasein, von Werden und Vergehen, von Schaffen und Ruhen, von offenbar und unoffenbar zugrunde? Diesem Weltgesetz - im Zuge einer periodischen Bewusstwerdung folgend, um sich selbst zu erkennen - tritt das eine Subjekt in einen polaren Gegensatz zu sich selbst, indem es aus dem Ich das Nicht-Ich hervortreten lässt, indem es als Subjekt ein Objekt und als eine Gottheit das Universum schafft. Erst indem der Künstler sein Kunstwerk schafft, wird er zum Künstler. Denn ohne dieses Kunstwerk, ohne diese Leistung, ohne diesen Schöpfungsakt würde weder er noch sonst jemand seine Künstlereigenschaften und Künstlerfähigkeiten erkennen und bewundern. Er selbst würde sich nicht als Künstler wissen. Erst im Gegensatz, in der Gegenüberstellung und Herausstellung meines eigenen Wesens beweise ich meine Künstlerschaft, meine Kunst, mein Können. Erst durch das Werk selbst weiß ich, dass ich ein Künstler, ein Schöpfer bin. 2. Er besitzt unterschiedliche Merkmale, denn er besitzt zwei Enden und zwei Pole; 3. Er besitzt eine dreifache Natur, namentlich eine bestimmte Form oder Gestalt, der eine Vorstellung oder Idee zu Grunde liegt, sodann eine bestimmte magnetische Kraft und schließlich eine bestimmte materielle Substanz. Bei diesem konkreten Beispiel macht es unserer Vorstellung keine Schwierigkeiten, von der Einheit des Stabes, von der Zweiheit seiner polaren Kraft und von der Dreiheit nach Form, Kraft und Substanz zu sprechen.Schwierig erst wird es für unser Denken, wenn wir diese Einsicht auf abstrakte Dinge und Begriffe übertragen wollen. Wir sprechen wohl von der Einheit des Alls, beobachten die Zweiheit und Polarität der Erscheinungswelt und unterscheiden auch die Dreiheit von Idee, Energie und Materie, die uns die naturwissenschaftliche Forschung nahegebracht hat. Aber wir vermögen diese Verhältnisse nur unzureichend in unserer Vorstellungswelt zu verknüpfen. |
