Ritualistik |
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Das Wort RITUAL erweckt beim Menschen unseres Kulturraums meist den Eindruck von unheimlichen, im Verborgenen getätigten Messen, der Handhabung des »Bösen« mittels magischer Praktiken, in der Anwendung des Geistigen wie Körperlichen, oder aber Handlungen »primitiver Volksstämme« anderer Kulturkreise. Nach logischen Fakten jedoch ist ein Ritual eine Handlungsweise, welche bis zur Routine gesteigert dazu dient, geistige Barrieren weitestgehend zu minimieren und die Erwartungshaltung des Durchführenden in Richtung geistiger Zielsetzung zu optimieren. Bereits die Begrüßung »Guten Tag!« - zur Routine geworden - hatte ihren Ursprung in der Möglichkeit, geistigen Einfluss auf das Wohlbefinden des Gegenüber zu nehmen. Zumindest wollte man anfangs kund tun, nichts Negatives (Fluch) zu beabsichtigen. Der Ursprung des menschlichen Handelns hatte immer eine realistische Ursache und diese war von Höflichkeit meist sehr weit entfernt. Noch heute begrüßen sich Soldaten auf der ganzen Welt durch Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung. Dies ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als der Griff an das Visier des Ritters darüber entschied, ob man vorbei ritt oder ob es zum Kampf kam. Als Ritual der Begrüßung ist hier der Ursprung mittlerweile in Vergessenheit geraten. Der Gruß jedoch - mit der Macht des gesprochenen Gedankens - hat seinen Ursprung in weiter Vergangenheit. Sich die rechte Hand zu geben, ebenfalls eine routinemäßiges Ritual, hatte den Ursprung, sich die leere Waffenhand zu zeigen. Weiterhin wurde im Mittelalter die linke Hand zur Körperreinigung im Hygienebereich benutzt, da man sich rechts festhielt oder abstützte, so galt die linke Hand als schlechte und die rechte als gute Hand (vgl. Indien). Auch die Angewohnheit, beim Spazieren gehen die Dame auf die rechte Seite des Mannes zu platzieren, brachte den Vorteil, die rechte Hand jederzeit auf den links befindlichen Degen legen zu können. Diese Beispiele zeigen sehr deutlich, je vorteilhafter eine Verhaltensweise war, um so langlebiger war ihre Einhaltung. Je materieller die Denkweise wurde, desto intensiver wurde das Verhalten in diesem Bereich geregelt, besonders wenn es einen Überlebensfaktor darstellte. Durch die Macht der Gewohnheit wurden Handlungen schnell zum Ritual und der Geist konnte sich unbehinderter mit anderen Dingen des Lebens beschäftigen. Die Erkenntnis, durch Rituale geistige Manipulationen zu begünstigen, hielt in sämtlichen Lebensbereichen Einzug. Der Mensch fühlte sich sicher und Rituale ersetzten auch Kommunikationsschwierigkeiten in Richtung geistiger Gleichschaltung. Glücksempfinden oder Aggressivität durch Gleichschaltung war dem Menschen von jeher bekannt. Musik und Tanz konnten die Gleichschaltung des physischen Bereiches in den geistigen Bereich transferieren. Freudentanz, Kriegstanz, Marschmusik oder Balladen waren geeignet, über den Bereich des Materiellen im Gruppenrahmen menschliche Empfindungen über das normale Maß des Einzelnen zu steigern. Im materiellen Denken der Menschen haben sich bis heute Rituale erhalten und bewährt. Die Zielsetzung ist auch bei der Formalausbildung der Streitmächte erkennbar. Gleichschaltung und Routine begünstigen das körperliche Agieren und bieten die Möglichkeit, das Bewusstsein des Einzelnen zu umgehen und die Massen bis zum so genannten Gruppenverhalten manipulieren zu können. So ergibt sich die Macht des Leitenden über die Gruppe, oder die Macht der Gruppe ergibt sich aufgrund der konzentrierten Gemeinsamkeit. Sich im Ritual gehen zu lassen, war auch dem einzelnen Menschen möglich. Im Altertum bis hin zu den Anfängen menschlichen Denkens hatten Rituale ihre Bedeutung in den Händen der geistigen Führer und Lenker. Sie bildeten die Grundlage der menschlichen Zivilisation und waren die perfekte Ergänzung, geistige Güter in ihrer Effizienz zu steigern. Sie bildeten die Möglichkeit, Einfluss auf die Denkrichtung der Gemeinschaft zu nehmen. Jedoch wie bei allem existieren auch hier Regeln und deren Anleitungen, welche diese Regeln beinhalten und die »Lehre« kann eben diese Regeln vermitteln. Durch das Ritual war es möglich, die geistigen Fähigkeiten zu steigern, ohne das gesamte System der Gemeinschaft zu offenbaren. Dies hätte auch zwangsläufig zum Machtgefühl des Einzelnen beigetragen und hätte somit die geistige Gemeinschaft zerstört. Es wäre der Beginn der Anarchie gewesen (Anarchie als Herrschaft des Einzelnen). Da die Zielsetzung der geistigen Gründer darin lag, geistig auf Geschehnisse einen materiellen Einfluss zu nehmen, wurden derartige Rituale genau nach dieser Zielsetzung vorgeschrieben. In der Anleitung der christlichen Kultur wird die Himmelsrichtung angegeben, in welche die Gemeinschaft ihre geistige Konzentration ausüben soll. Dies ist an alten Kultstätten oder Kirchen heute noch nachvollziehbar. In der aktiven Meditation kann der Schüler feststellen, dass in der Konstellation, in der sich Nord und Süd aufheben, eine Erleichterung der Ablenkung durch die Spannungen im Ätherbereich der Erde erreicht wird. Je nach der Zielsetzung der Leitenden konnte so bereits im Vorfeld die Behinderung im geistigen Bereich gesteigert oder vermindert werden. Im Bereich der moslemischen Denkweise werden die Gemeinschaften angehalten, ihre gesteigerte devote Haltung durch Verneigen in Richtung ihrer geistigen Führung zum Ausdruck zu bringen (gen Mecca). Da in der körperlichen Gleichschaltung die Kraft gesteigert wird, ist es logisch, dass dies ebenfalls im geistigen Bereich möglich ist. Nehmen wir als Beispiel, dass mehrere Personen ein Fahrzeug anschieben wollen, dann ist es günstig, wenn alle in die gleiche Richtung schieben. Es wäre weiterhin von Vorteil, wenn jeder ebenfalls im selben Augenblick diese Richtung wählte. Dies ist auch im geistigen Bereich im Gruppenrahmen die logische Regel des Ablaufes, den wir im Ritual als Anleitung wieder erkennen. Hier wird das Kommando durch den Priester bestimmt. Er gibt die Richtung und den Umfang des geistigen Aufwandes an. Seiner Anweisung ist es zu verdanken, wann und wie das geistige Potential der Gemeinschaft einzusetzen ist. Es ist von Nöten zu wissen, wann dieses Potential in seiner Energie optimal einsetzbar ist. So wie die Himmelsrichtung jeden Menschen im geistigen Bereich begünstigt oder weniger begünstigt, so haben auch Gezeiten oder Tageszeiten ihren Einfluss. In der Zeit, in der die physische Ablenkung geringer ist, ist es logisch, dass eine geistige Orientierung des Bewusstseins eher in Betracht gezogen wird. Die Abendstunden oder die frühen Morgenstunden waren beliebte Zeitpunkte. Da eine dominante Anweisung durch den Priester mehr Erfolg hatte, wenn sie auf eine eher devote Haltung der Gemeinschaft traf, war die geistige Einstellung der Gemeinschaft logischerweise vorgegeben. Die Idee, so geistige Ursachen zu legen und bis in den physischen Bereich transferieren zu können, war die Grundidee eines Rituals und führte zu Regeln, welche im Ansatz noch heute nachvollziehbar sind. Das Gebet ist in seiner Grundidee genauso realistisch wie der Gedanke, der ein Lied entstehen lässt und die Welt in seinen Bann zieht. Je nach der Qualität der geistigen Erkenntnisse wurden Rituale verbessert und verfeinert. Der Mensch erkennt, dass der Geist aktiviert wird nach dem System einer Logik. Deshalb sensibilisiert er die beiden Grundbegriffe »Sender« und »Empfänger«. Im Ritual allerdings ist der Priester der Empfänger der geistigen Energie. Die Konzentration der Gemeinschaft ist dabei der unterstützende Energiesender. Die Gemeinschaft muss bereit sein, dem Priester ihr geistiges Streben zu senden und ihm die Sicherheit zu geben, unterstützend seinen Willen zu äußern. Eine Äußerung, welche in der Lage ist, sich aufgrund des Volumens im mentalen Bereich zu behaupten. So gab man dem Priester mehr Macht und Autorität, wenn er sie sich nicht schon selbst eingeräumt hatte. In allen Kulturen galten die Priester als Auserwählte mit der Macht der Unantastbarkeit. Schnell war so der wirtschaftliche Aspekt der Priesterschaft gesichert. Je nach Kultur bereitete man die Gemeinschaft auf das Ritual der Glaubensbestätigung bis in den Privatbereich vor. Maßregelung zum so genannten frommen Lebensstil war üblich. Um die devote Haltung zu steigern, waren alle Mittel recht. Rauschgift und Fasten waren Mittel, welche die Angst vor der Sünde und der Bestrafung noch ergänzten. Wunderdenken über normale Phänomene diente dazu, den Priesterstand insgeheim über die weltliche Machtposition zu stellen. Die Grundidee ging mehr und mehr verloren, je materialistischer die Menschen sich orientierten. Die Schulwissenschaft, welche behauptete, dass alles Existierende und Geschehende realistisch ist, tat sich schwer, die Wissenschaft der Gefühle zu bestätigen. Dies wurde von religiöser Seite unterstützt, wenn es sich um eine andersartige Glaubensrichtung handelte. So wurden die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse auch ungeniert an die Glaubensrichtung ihres Kulturkreises angepasst. In der sich heute immer mehr manifestierenden multikulturellen Gesellschaft hat der Schüler der Magie die Gelegenheit, emotionsfrei die Meilensteine geistiger Fähigkeiten zu betrachten. Religion, gleich welcher Art, ist abhängig vom Standpunkt. Ihre Funktionsweise ist allerdings die Anwendung geistiger Grundfaktoren, die der Gattung Mensch allgemein zur Verfügung stehen. Der Mensch kann ringen, boxen oder heben, er wird im Allgemeinen beide Arme benutzen. Diese besitzt er, ob seine Hautfarbe nun schwarz, weiß, gelb oder rot ist. Rituale sind etwas ganz alltägliches, um geistige Handhabungen zu beeinflussen. Der Medizinmann kennt sie, der Priester kennt sie und jeder, welcher erkennt, dass Geist und Körper unzertrennbar miteinander kooperieren, wird im Ritual nichts Gutes oder Böses sehen. Er wird es als eine Möglichkeit sehen, dem menschlichen Bedürfnis, aus dieser Koexistenz für sich den optimalen Nutzen zu ziehen, näher zu kommen. |
